Das Unbehagen im Hackathon

Beim #UpdateDeutschland-Hackathon bauen tausende Freiwillige an Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen. Woher rührt die Skepsis in der etablierten Civic-Tech-Szene und unter Verwaltungsmenschen?

#UpdateDeutschland versammelt seit März 2021 virtuell tausende Ehrenamtliche, um Lösungsideen für gesellschaftliche Probleme entwickeln. Doch es heben sich auch kritische Stimmen. Gerade in der Szene der Verwaltungsdigitalisierer:innen, der #UpdateDeutschland einen eigenen Themenbereich widmet, empfinden viele ein Unbehagen mit diesem „Hackathon“. Dieses Unbehagen speist sich aus mindestens drei Quellen: Nachhaltigkeit, einfachen Lösungen und Wirkungsversprechen.

Der #UpdateDeutschland-Hackathon

#UpdateDeutschland steht wie sein Vorgänger #WirVsVirus unter der Schirmherrschaft des Bundeskanzleramts und wird von zahlreichen Landesregierungen, zivilgesellschaftlichen Organisationen und sozial orientierten Unternehmen offiziell unterstützt. #WirVsVirus gilt mit über 28.000 Teilnehmenden als der weltweit größte Hackathon zu den Herausforderungen des Corona-Krise und somit auch als ein gelungener PR-Coup der Bundesregierung in der Pandemie. 

Beide Veranstaltungen greifen das Format des Hackathons auf, bei dem Menschen für einen festgelegten Zeitraum zusammenkommen, um vorgegebene Probleme zu lösen, mit denen sie üblicherweise sonst nichts zu tun haben. Was ursprünglich aus der Entwicklung von Soft- und Hardware stammt, wird bei #UpdateDeutschland für die sechs Themenfelder

  • „Antidiskriminierung, Demokratie und Engagement“
  • „Bildung, lebenslanges Lernen und neue Arbeit“
  • „Digitaler Staat und digitaler Verbraucherschutz“
  • „Gesundheit und mentales Wohlbefinden“
  • „klimaneutrale, lebenswerte Zukunft“
  • „Stadt- und Landleben“

auf breite gesellschaftliche Probleme angewandt. Einreichungen zu lösender Herausforderungen konnten die Veranstaltenden vor allem von Kommunen einwerben. Die Teilnahme am Hackathon steht allen offen.

Hackathons generieren Ideen, keine Legitimität

Hackathons und andere Formen der „Open Innovation“ sind grundsätzlich etwas Positives. Neue Ideen und Lösungsansätze entstehen eher, wenn alte Probleme von frischen Augen betrachtet werden. Genau das organisieren Hackathons in einem strukturierten Ablauf. Dabei besteht selbstverständlich kein Gewähr, dass etwas Brauchbares herauskommt. Die generierten Ideen sind als ein Angebot zu verstehen und für sich keinesfalls demokratisch legitimiert, auch wenn ein Hackathon bisweilen nach Bürgerbeteiligung aussieht. Es geht um freiwilliges Engagement in einem vorgegebenen Rahmen, nicht um eine repräsentative Volksvertretung oder Graswurzelbewegungen. Dass bei der Entwicklung der Ideen einige Perspektive über- und andere unterrepräsentiert waren, muss aber spätestens beim Aufgreifen durch offizielle Stellen berücksichtigt werden. (Wie Hackathons gesellschaftliche Machtsstrukturen spiegeln und was man dagegen tun kann, hat Damian Paderta ausführlich gebloggt.)

Digitale Zivilgesellschaft in der Schmollecke?

Kritik an #UpdateDeutschland äußern vor allem Vertreter:innen der Civic-Tech-Community. Dies mag auf den ersten Blick überraschen, arbeiten diese Menschen doch oft an genau den gesellschaftlichen Problemen, die bei #UpdateDeutschland auf der Tagesordnung stehen. Auf den zweiten Blick drängt sich daher die küchenpsychologische Analyse auf, dass sich hier ein zivilgesellschaftliches Establishment durch den schnellen Erfolg von Newcomern bedroht fühlt. Aber auch diese Lesart greift zu kurz.

Zunächst scheint dies einleuchtend: Die Schirmherrschaft des Kanzleramts und der allgemeine Medienrummel öffnet für die Teilnehmenden von #UpdateDeutschland Türen, an denen ehrenamtliche Initiativen zuvor jahrelang geklopft haben und unbeachtet stehen gelassen wurden. Beispielhaft legt dies @kleinbenny in seinem kurzen Twitter-Rant zu #UpdateDeutschland aus Perspektive der Wuppertaler Open-Data-Szene dar. Liegt den kritischen Stimmen zum Hackathon also einfach diese Kränkung zugrunde? Ein verletzter Stolz zivilgesellschaftlicher Akteure, die anderen den leichten Zugang zu und die Anerkennung von Entscheidungstragenden via Hackathon nicht gönnen, weil sie sich jahrelang erfolglos dafür abgestrampelt haben?

Anschaulich wird dies bei Herausforderungen, bei denen Dokumente aus Gemeindeparlamenten leichter zugänglich gemacht werden sollen. Anstrengungen zu diesem Thema fußen unweigerlich auf dem offenen Standard OPARL, der über die letzten zehn Jahre hinweg mit viel ehrenamtlicher Energie entwickelt wurde. OPARL ist in der einschlägigen Szene hochanerkannt. Doch er wird aber über all die Jahre weniger öffentliche Aufmerksamkeit erfahren haben, als mit #UpdateDeutschland nun für die auf diesem Standard aufbauenden Hackathon-Teams entsteht. Dadurch wird jedoch weder die die Hackathon-Challenge falsch, noch widerspricht dies dem großzügigen Geist der Civic-Tech-Community. Vielmehr folgt es der Logik von Open Source, dass andere aus bestehenden Bausteinen Neues schaffen, und erfüllt die vorherigen Entwickler:innen meist mit Elternstolz.

Das Unbehagen zur Nachhaltigkeit der Lösungen

Das Unbehagen sitzt tiefer, wie sich an diesem Beispiel gut zeigen lässt: Wenn der einfachere Zugang zu Gemeinderatsprotokollen tatsächlich ein Anliegen ist, warum bringen sich die Verwaltungen, von denen diese Challenge stammt, nicht schon seit Jahren bei den bestehenden Civic-Tech-Initiativen ein? Das “Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung” hat einige davon in seiner lesenswerten Pressemitteilung zu #UpdateDeutschland aufgelistet? So liegt der Verdacht nahe, dass kurzfristig auf den öffentlichkeitswirksamen Hackathon-Zug aufgesprungen wird. Für die beteiligten Verwaltungen ist dies legitim und nachvollziehbar. Die Sorge ist allerdings, dass trotz eines integrierten „Umsetzungsprogramms“ auch gute Ideen nach Abflauen der Medienaufmerksamkeit für den Hackathon verwaisen werden. 

Wenn selbst funktionierende und von Parlamentarier:innen begeistert genutzte Dienste wie kleineAnfragen.de mangels Unterstützung eingestellt werden müssen, wie sind dann die Aussichten für halbfertige Prototypen aus dem Hackathon? Fast noch schlimmer wäre es andersherum, wenn also ein reifes Projekt wie kleineAnfragen.de deshalb eingestellt werden musste, weil es nicht unter Schirmherrschaft des Kanzleramts, sondern in freien ehrenamtlichen Netzwerken entstanden ist.

Das Unbehagen nährt sich also eher aus Sorge darum, wie nachhaltig die Anstrengungen und Commitments aus dem Hackathon sind. Das fängt oft schon damit an, dass viele der Ideen aus dem Hackathon seit Jahren bestehen und oft aus guten Gründen versandet oder sogar rundheraus gescheitert sind. Ein ernsthaftes und langfristig orientiertes Vorgehen wäre hier, zunächst den „Markt“ zu scannen und Kontakt mit bestehenden und früheren Gruppen aufzubauen, um aus ihren Erfahrungen zu lernen und alte Fehler nicht zu wiederholen. Denn Konzepte skizzieren sich schnell, selbst ein anschaulicher Prototyp lässt sich gut an einem Wochenende bauen. Aber wenn es um die Umsetzung geht, gilt es auf einmal jede Menge Abhängigkeiten zu beachten: Rechtliches, bestehende technische Strukturen, Finanzfragen. 

Hier liegt der Großteil des Eisberges versteckt, den es für eine erfolgreiche Umsetzung zu bewältigen gilt. Nachzuvollziehen etwa im Twitter-Thread von Lilith Wittmann zu einem #UpdateDeutschland-Team, das ein Formularsystem für Verwaltungsleistungen im voraussetzungsvollen Umfeld des Onlinezugangsgesetzes entwickeln möchte. (Wozu Lilith Wittmann mit Formularium übrigens bereits 2020 eine Open-Source-Lösung vorgestellt hat.) Mit Fach- und Erfahrungswissen soll den Hackathon-Teams im Zuge des Umsetzungsprogramms mitgegeben werden, womit es beim Vorgänger-Event #WirvsVirus durchwachsene Erfahrungen gab.

Kurz gesagt: Ja, die schicken Benutzeroberflächen und radikalen sozialen Innovationen, die bei so einem Hackathon entstehen, machen Spaß und begeistern. Aber wenn wir einen Bruchteil dieser Energie in die Arbeit an grundlegenden Strukturen wie OPARL stecken würden, an denen sich die Civic-Tech-Community dieses Landes seit Jahren abarbeitet, wäre dies wohl ein wesentlich nachhaltiges Update für Deutschland.

Das Unbehagen mit einfachen Lösungen

Zweiter Quell des Unbehagens ist eine unterschwellige Abwertung der Organisationen und Berufsgruppen, die täglich an den gesammelten Herausforderungen des Hackathons arbeiten. Dabei geht es weniger um den Hackathon an sich, sondern um seine Kommunikation. Wir alle können sicher aus eigener Erfahrung bestätigen, wie hilfreich die Anregungen von Menschen mit völlig anderen Hintergründen für die eigenen Probleme sein können. Doch welche Botschaft senden wir an all die Menschen in Verwaltungsabteilungen, Arbeitsgruppen politischer Parteien, Fachreferaten der Wohlfahrtsträger und zivilgesellschaftlicher Initiativen, die sich seit Jahrzehnten an den Herausforderungen abarbeiten, wenn wir nun (stark verkürzt) damit werben: „Kommt vorbei und löst die Probleme Deutschlands an einem Wochenende.“? Wenn das alles so einfach ist, was machen die ganzen Fachleute dann eigentlich seit Jahrzehnten?

„Dem Potenzial der Open Social Innovation Methode stehen aber häufig noch etablierte Strukturen, z.B. in der Verwaltung, im Wege“, stellt der Learning Report zum Vorgänger-Hackathon #WirvsVirus fest. Zweifellos trägt die öffentliche Verwaltung zahlreiche stutzenswerte bürokratische Zöpfe, aber viele dieser „hinderlichen“ Strukturen sind über Jahrzehnte austarierte Mechanismen des Rechtstaats, der Gewaltenteilung, des Datenschutzes und des Interessenausgleichs. Diese Verflechtungen nachzuvollziehen dauert oft länger als ein Wochenende. Und anschließend sehen viele Lösungen nicht mehr ganz so einfach aus. Stephan Maus führt diese Gedanken und eine ideologische Kritik im „Stern“ weiter aus.

Das Unbehagen mit der versprochenen Wirkung

Das Wirkungsversprechen an die Teilnehmenden ist der dritte Quell des Unbehagens: Mit einigen Tagen Engagement löse man gesellschaftliche Probleme und spiele ein Update für Deutschland ein, so die Aussicht. Aus dem Learning Report zu WirvsVirus wird hingegen die Open-Innovation-übliche Logik deutlich, das Netz möglichst weit zu werfen. Wenn sich also von hunderten Ideen am Ende eine Handvoll als brauchbar herausstellt, gilt dies als Erfolg. Im besten Fall haben die Teilnehmenden beim Hackathon so viel Spaß gehabt, Neues gelernt und Kontakte geknüpft, dass für sie persönlich die Wirkung ihres Hackathon-Produkts nachranging ist. Wem es aber tatsächlich um die eigene Wirkung geht, mag sich im Anschluss wünschen, dass die Masse an mobilisierten Engagementstunden zielgerichteter investiert worden wäre. Womit sich der Kreis zum Unbehagen in der Civic-Tech-Community bezüglich der Nachhaltigkeit der Anstrengungen schließt.

Fazit

Mit Hackathons lassen sich wunderbar Ideen generieren. Es ist großartig, dass sich so viele Organisationen und Behörden für neue Ideen öffnen. Die tausenden von Menschen, die hier ihre Freizeit einbringen, sind nur zu loben. 

#UpdateDeutschland erzeugt aber bei einigen in der Verwaltungsdigitalisierungs-Szene einen schalen Geschmack, der sich nicht aus vermeintlich verletztem Stolz erklärt. Das Unbehagen speist einerseits sich aus der Sorge um Nachhaltigkeit: Weil unter anderem bestehende Projekte und Netzwerke scheinbar ignoriert werden und schicke Single-Purpose-Apps für ein Update Deutschlands wichtiger scheinen, als die langfristige Arbeit an IT-Infrastrukturen. Andererseits erzeugt es Unbehagen, weil die Außendarstellung Teilnehmenden eine Wirkung zu versprechen scheint, die nebenbei die tägliche Arbeit der Fachleute in diesen Themenfeldern unterschätzt. 

Nichts davon entspringt einem bösen Willen und oft geht es eher implizite Wahrnehmungen als um explizite Aussagen. Schon gar nicht soll hier das Engagement der Freiwilligen beim Hackathon kleingeredet werden. Aber mit diesem Unbehagen ist auch der raue Umgangston in den Debatten zu verstehen, die sich auf Twitter unter #UpdateDeutschland nachvollziehen lassen. Es ist für alle Beteiligten (und für Deutschland) zu hoffen, dass sich das Unbehagen mit dem Hackathon als unbegründet erweist. Denn die Herausforderungen sind ernst, gute Ideen immer nötig und es entsteht so viel mehr Wirkung, wenn alte Civic-Tech-Hasen und tatkräftige Newcomer an einem Strang ziehen.


Autor

Basanta Thapa forscht als Verwaltungswissenschaftler beim Kompetenzzentrum Öffentliche IT und an der Universität Potsdam zur Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung.


Titelbild: „Wikimedia Hackathon 2013, Amsterdam“ von Sebastiaan ter Burg (CC BY 2.0)


CC BY

Zitationsempfehlung: Basanta Thapa „Das Unbehagen im Hackathon“, N3GZ Nachwuchsnetzwerk Digitale Verwaltung, 27. April 2021, www.n3gz.org

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